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Ostseeanthologie III - Zonenkrimi
Veröffentlicht am 30. August 2009 früher nachmittag | Geschrieben von KP in Rated KKültürverein

Es ist Sonntag, da sehen sich in Berlin immer mehr auch junge Leute gezwungen, abends irgendwo den Tatort zu kucken. Eine merkwürdige Modeerscheinung: Ganze Kneipen und Clubs werden durch die sonntagabendliche Krimiorgie blockiert. Wo soll man jetzt noch sein Bier trinken?

Wie die meisten Leute wissen, gab es in der DDR auch so etwas wie den Tatort, nämlich den Polizeiruf 110. Wenn man (bei den älteren Folgen, die gelegentlich auf den dritten Programmen wiederholt werden) genau hinschaut, fällt auf, dass man eine gewisse Biederkeit bei den zu lösenden Kriminalfällen nicht übersehen kann: Es gibt kaum Morde, eher Raub, Betrug und Trunkenheit. Die Ermittler sind gestrenge, niemals lässig gekleidete staatstreue Gestalten, deren Privatleben überhaupt nicht dargestellt wird. Bei den Tätern wird das psychologische Profil stärker beleuchtet, persönliches Umfeld beziehungsweise die Vergangenheit führen häufig zu den geschilderten Delikten.



Einer meiner Favoriten der Serie ist die Folge Walzerbahn von 1978/1979. Als Setting hält die Insel Rügen her, sommerlich vollgestopft mit DDR-Urlaubern, und wo Urlauber ihr Geld ausgeben, gibt es auch Kriminalität: der "Küstenschreck" macht die Gegend unsicher, raubt Touristen auf Zelt- und Campingplätzen aus, und klettert sogar auf Socken die Fassade eines FDGB-Ferienheims hinauf, um sich der Wertgegenstände der Badegäste zu bemächtigen.

Hier kommt Komissar Hübner ins Spiel, der beim örtlichen VP-Sheriff die "mangelnde Öffentlichkeitsarbeit" bemängelt und die Ermittlungen mehr oder weniger übernimmt ("zur Unterstützung abkommandiert").
In der Nähe hat sich ein Rummel niedergelassen, der in den vergangenen Sommermonaten die Ostseeküste entlang zog, parallel zur Tatroute des "Küstenschrecks", so dass Herbet Bobach, der Gehilfe des Walzerbahnbetreibers Otto Oswald schnell in Verdacht gerät. Dieser hat eine Affäre mit der Frau des Walzerkönigs Anita, welche aber "einen Kerl zum verlieben sucht". So einen glaubt sie im Wäschereifahrer Marco gefunden zu haben - er gelernter Bäcker, sie Konditorin, das passt anscheinend alles. Natürlich ist Marco der fiese Küstenschreck und schließlich kommt es zum finalen Showdown vor romantischer Inselkulisse...

Mehr dazu liest man bei Bedarf hier.

Die Story ist einigermaßen sauber gestrickt, alles ist politisch überkorrekt, so wie man sich eine Produktion für das DDR-Fernsehen vorstellt. Das imposanteste, wenn man diesen Begriff schon für 59 Minuten Krimi (ganz schön kurz, was?) benutzen kann, ist die Kulisse. Ostseeküste, Jasmunder Bodden, unendliche Weiten der rügischen Landschaft zeigen, wie schön anscheinend schon früher die Insel war.

Erschreckend hingegen der Speisesaal des Ferienheims - schön ostig. Die VP-Dienststelle hat sich eine Notunterkunft in einer Schulturnhalle geschaffen (Sommerferien), aber immerhin hängt an der Tür ein graviertes Schild, als ob das die herkömmliche Behausung der Volkspolizei wäre.

Der Showdown bietet alles, was zu damaliger Zeit wohl technisch möglich war: Eine Verfolgungsjagd mit Barkas, Hubschrauber, Motorrädern und VP-Lada - brilliant! Marco Floß, der Küstenschreck, ist ein typisches verkommenes Subjekt: Nietenhosen trägt er, Motorrad fährt er bei seinen Raubzügen und Lust arbeiten zu gehen hat er auch keine.



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