Hundstage

Seit geraumer Zeit brütet ja nun die Stadt im diabolischen Vorgarten der Klimakatastrophe, dass man meinen mag, hinter jeder Ecke lauert eine Sonneneruption. Inzwischen ist das fassungslose „Is ja wo‘ nich‘ mehr normaal…“ der letzten Wochen einem hoffnungsvoll-gleichgültigen „Soll ja bald kühla wer’n…“ gewichen. Überhaupt stelle ich auf der Straße mittlerweile viel seltener die typische Berliner Standard-Ausrastung der Wut-Städter, die hart auf der emotionalen Siedelinie balancieren, fest. Den täglichen Berufsverkehr mal ausgenommen.

Das aktuelle Phänomen ist – zumindest in der Feier-Arena Friedrichshain – die alkohol-/drogeninduzierte Alltags-Verwirrtheit, mit der überhitzte Gemüter bereits am frühen Nachmittag pöbelnd durch die Straßen ziehen. Das fällt insbesondere auf, weil kaum jemand anderes um die Mittagszeit irre genug ist, auf den glühenden Bürgersteig zu treten. Der Friedrichshainer Sommer-Slacker hingegen schleppt stolz seine staubig-ledrige Haut spazieren, wankt gräulich-braun bis senffarben in den nächsten Späti, und pöbelt sich dann anschließend weiter die Straße runter.

Abseits der Irren versuchen die Friedrichshainer Prenzl-Eltern ihren Alltags-Betrieb aufrecht zu erhalten: während des stundenlangen Aufenthaltes in der Eisdielen-Schlange ist es momentan leider nicht möglich, mit anderen Jungeltern das aktuelle Bouquet von Demeter-Windeln und Voelkl-Melonen-Quitten-Saft zu diskutieren, weil die in der Sonne umhertobende Brut vor eben dieser geschützt werden muss. Diejenigen Kleinen, die nicht schon unter ihrem ganztägig zu tragenden Fahrradhelm in der Ecke abgeklappt sind, werden mit weißen, tuchbeschwerten Schirmmützen abgedeckt.

Das verpasst zwar dem einen oder anderen das coole Aussehen eines jungen Lawrence von Arabien; leider ballern sie so verhangen auch gerne mal volle Kanne gegen die nächste Straßenlaterne. Die Verkäuferin der „Eis-Piraten“ lächelt dann nur mitleidig, während sie versucht, mit ihrem Haken die Waffel festzuhalten. Die durch die Augenklappe bedingt fehlende Tiefenschärfe sorgt dafür, dass trotz sorgfältigen Zielens die Eiskugel häufiger mal neben die Tüte klatscht.

Am Boxi lagert sich eine Gruppe junger und älterer Lümmel im grauen Staub: nach Tagen der Dürre haben sie die Farbe ihrer Mittags- und vielleicht leider auch Nachtschlafstatt angenommen. Wenige Schritte weiter dreht die Stadt dieses Jahr in selbstherrlicher Wir-sind-wieder-wer-Manier stundenweise das Brunnenwasser auf: an der Plansche erfreuen sich nicht nur die Bronze-Pinguine und tollende Kinder am Wassersegen. An der tiefsten Stelle liegt ein ältlicher, lederner Mann rücklings im gelb-trüben Nass. Mit der Zurückstellung jeglicher Scham ist er uns allen dieser Tage um Lichtjahre voraus.